Hinter Crack, Kokain, Heroin, Fentanyl und anderen gefährlichen Drogen steht ein milliardenschwerer illegaler Markt. Für kriminelle Organisationen sind die Substanzen eine Ware, mit der sich enorme Gewinne erzielen lassen. Die gesundheitlichen und sozialen Folgen tragen dagegen die Abhängigen, ihre Familien und die Gesellschaft.
Der Weg in die Abhängigkeit beginnt selten mit dem Wunsch, das eigene Leben zu zerstören. Häufig stehen psychische Erkrankungen, traumatische Erfahrungen, Einsamkeit, Gewalt oder Armut am Anfang. Drogen können diese Schmerzen kurzfristig überdecken. Langfristig verschlimmern sie die Probleme jedoch häufig.
Dabei gilt: Drogenkonsum führt nicht automatisch zu Wohnungslosigkeit oder Prostitution. Auch sind nicht alle wohnungslosen Menschen drogenabhängig. Wenn jedoch Sucht, Armut, psychische Erkrankungen, Gewalt und Wohnungsnot zusammenkommen, kann ein schwer zu durchbrechender Kreislauf entstehen.
Crack und Kokain: Ein kurzes Hoch mit schweren Folgen
Kokain wirkt anregend. Konsumierende fühlen sich vorübergehend selbstbewusster, leistungsfähiger und wacher. Nach dem Rausch folgen häufig Erschöpfung, depressive Stimmung, Angst und ein starkes Verlangen nach der nächsten Dosis.
Crack wird aus Kokain hergestellt und geraucht. Die Wirkung beginnt innerhalb weniger Sekunden, hält aber nur kurz an. Dadurch kann ein besonders starker Konsumdruck entstehen. Manche Betroffene konsumieren in kurzen Abständen immer wieder, bis das Geld oder die Droge aufgebraucht ist und der Körper völlig erschöpft zusammenbricht. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen beschreibt sowohl solche exzessiven Konsumphasen als auch einen regelmäßigen Konsum zur Vermeidung unangenehmer Entzugssymptome.
Wenn immer mehr Geld für die Droge benötigt wird, bleiben Miete, Strom, Lebensmittel und Medikamente möglicherweise unbezahlt. Arbeitsplatz, Wohnung und soziale Kontakte geraten in Gefahr. Das Bundesgesundheitsministerium warnt beim Crackkonsum vor schweren gesundheitlichen Folgen und schneller sozialer Verelendung.
Heroin: Gefangen zwischen Rausch und Entzug
Heroin ist ein stark betäubendes Opioid mit einem sehr hohen Abhängigkeitspotenzial. Es kann Wärme, Ruhe und ein Gefühl der Geborgenheit hervorrufen. Gleichzeitig entwickelt der Körper eine Toleranz: Für die gleiche Wirkung wird mit der Zeit eine höhere Menge benötigt.
Bleibt die Droge aus, können schwere körperliche und psychische Entzugserscheinungen auftreten. Dazu gehören Schmerzen, Erbrechen, Durchfall, Zittern, Schlaflosigkeit, Angst und ein nahezu überwältigender Suchtdruck. Das Leben kann sich schließlich nur noch um die Beschaffung der nächsten Dosis drehen.
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen nennt neben schweren körperlichen Folgeschäden auch finanzielle Probleme, Isolation, Beschaffungskriminalität und die Gefahr, in die Prostitution zu geraten. Besonders gefährlich ist der Mischkonsum mit Alkohol, Beruhigungsmitteln, Fentanyl oder anderen Opioiden, weil dadurch die Atmung aussetzen kann.
Fentanyl und Nitazene: Lebensgefahr in kleinsten Mengen
Fentanyl ist ein hochwirksames synthetisches Opioid, das in der Medizin gegen starke Schmerzen verwendet wird. Außerhalb einer kontrollierten Behandlung kann es bereits in sehr kleinen Mengen tödlich sein.
Noch gefährlicher wird die Situation, wenn Heroin, Kokain oder vermeintliche Medikamente ohne Wissen der Konsumierenden synthetische Opioide enthalten. Die Wirkstoffmenge ist dann kaum einzuschätzen. Nitazene gehören ebenfalls zu diesen hochpotenten Substanzen. Das Bundeskriminalamt registrierte 2024 einen deutlichen Anstieg der Todesfälle im Zusammenhang mit synthetischen Opioiden wie Nitazenen.
Bei einer Opioidüberdosierung wird die Atmung immer langsamer und kann vollständig aussetzen. Ohne schnelle Hilfe drohen Bewusstlosigkeit, schwere Hirnschäden und Tod.
Crystal Meth, Benzodiazepine und Mischkonsum
Auch andere Substanzen können Menschen in schwere Krisen führen. Crystal Meth kann über viele Stunden wach und leistungsfähig erscheinen lassen. Regelmäßiger Konsum kann jedoch Schlaflosigkeit, Gewichtsverlust, Angst, Aggressivität, Depressionen und Psychosen fördern.
Benzodiazepine sind verschreibungspflichtige Beruhigungs- und Schlafmittel. Bei längerem oder unkontrolliertem Gebrauch können sie abhängig machen. Besonders gefährlich ist ihre Kombination mit Heroin, Fentanyl, Methadon oder Alkohol. Mehrere dämpfende Substanzen können sich gegenseitig verstärken und die Atmung lebensgefährlich verlangsamen.
Beim Mischkonsum sind Wirkung und Dosierung kaum vorhersehbar. Das gilt erst recht, wenn die Zusammensetzung illegal gehandelter Substanzen unbekannt ist.
Das kriminelle Geschäft hinter den Drogen
Abhängigkeit ist für kriminelle Händler ein einträgliches Geschäftsmodell: Wer körperlich oder psychisch abhängig ist, braucht immer wieder Nachschub. Die Kundschaft wird dadurch dauerhaft an den illegalen Markt gebunden.
Das Bundeskriminalamt berichtet, dass Kokain weiterhin tonnenweise aus Südamerika nach Deutschland geschmuggelt wird. Allein 2024 wurden in Deutschland rund 24 Tonnen Kokain sichergestellt. Zugleich gewinnen synthetische Drogen an Bedeutung. Kriminelle Gruppierungen erzielen mit dem Handel hohe Gewinne und passen ihre Schmuggelwege laufend an polizeiliche Maßnahmen an.
Zu den besonders skrupellosen Methoden dieses Marktes gehören:
- Strecken und Verunreinigen: Drogen werden mit billigen oder gefährlichen Stoffen vermischt, um die Verkaufsmenge zu vergrößern. Konsumierende wissen häufig nicht, was sie tatsächlich einnehmen.
- Unbemerkte Beimischungen: Hochpotente synthetische Opioide können in anderen Substanzen oder gefälschten Tabletten vorkommen. Schon kleine Dosierungsfehler können tödlich sein.
- Verkauf auf Kredit: Manche Händler geben Abhängigen zunächst Drogen, obwohl sie nicht bezahlen können. Die dadurch entstehenden Schulden können später als Druckmittel eingesetzt werden.
- Gewalt und Einschüchterung: Schulden werden teilweise mit Drohungen, Körperverletzung oder der Ausbeutung von Angehörigen eingetrieben.
- Einsatz abhängiger Menschen als Verkäufer: Konsumierende werden mit Drogen oder einem Schuldenerlass dafür bezahlt, kleine Mengen zu verkaufen, Substanzen zu transportieren oder neue Kunden anzuwerben. Das größte strafrechtliche Risiko tragen dann häufig die Menschen am unteren Ende der Handelskette.
- Anwerben Minderjähriger: Junge Menschen können über soziale Medien, Freundeskreise oder scheinbar harmlose Botendienste in kriminelle Strukturen gezogen werden.
- Geldwäsche: Gewinne aus dem Drogenhandel werden über Geschäfte, Immobilien, Scheinfirmen oder andere Konstruktionen in den legalen Wirtschaftskreislauf eingeschleust.
- Ausbeutung von Notlagen: Wer abhängig, verschuldet oder wohnungslos ist, kann leichter kontrolliert und zu Straftaten oder sexuellen Handlungen gedrängt werden.
Nicht jeder einzelne Drogendealer gehört zu einer großen Organisation. Manche verkaufen selbst aus Abhängigkeit oder finanzieller Not. Die größten Gewinne landen jedoch meist nicht bei den Straßenhändlern, sondern bei Personen und Netzwerken, die Herstellung, Transport, Großhandel und Geldwäsche kontrollieren.
Wenn Abhängigkeit zur Schuldenfalle wird
Zu Beginn reichen möglicherweise kleine Geldbeträge. Mit zunehmender Toleranz und steigendem Konsum wachsen jedoch die Ausgaben. Betroffene leihen sich Geld, verkaufen ihren Besitz oder bezahlen wichtige Rechnungen nicht mehr.
Manche geraten in Beschaffungskriminalität, etwa Ladendiebstahl oder Drogenverkauf. Andere werden von Händlern als Kuriere eingesetzt. Wird die Miete nicht bezahlt oder kommt es zu Konflikten im Wohnumfeld, drohen Kündigung und Räumung.
Nach dem Verlust der Wohnung wird ein Ausstieg noch schwieriger. Ohne sicheren Schlafplatz, Ausweispapiere, Krankenversicherung oder erreichbare Postadresse entstehen zusätzliche Hürden beim Zugang zu Behandlung und Sozialleistungen.
Prostitution, sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel
Manche Betroffene bieten in größter Not sexuelle Handlungen an, um Drogen, Geld, Essen oder einen Schlafplatz zu bekommen. Andere werden von Partnern, Händlern oder Zuhältern dazu gedrängt oder gezwungen. Abhängigkeit und Drogenschulden können gezielt als Mittel der Kontrolle eingesetzt werden.
Das kann bedeuten:
- Drogen werden zunächst kostenlos oder auf Kredit angeboten.
- Anschließend werden angebliche Schulden eingefordert.
- Betroffene müssen Geld durch sexuelle Dienstleistungen beschaffen.
- Ausweispapiere, Geld oder Medikamente werden einbehalten.
- Gewalt und Entzug werden als Druckmittel benutzt.
- Betroffene werden von Beratungsstellen und Angehörigen abgeschirmt.
In solchen Situationen handelt es sich nicht um eine freie Entscheidung, sondern möglicherweise um sexuelle Ausbeutung, Zwangsprostitution oder Menschenhandel. Das Bundeskriminalamt beschreibt Menschenhandel als einen Bereich, der von Zwang und Ausbeutung geprägt ist. Opfer geben sich aufgrund von Angst, Scham oder Manipulation teilweise selbst die Schuld.
Besonders wohnungslose Frauen und queere Menschen sind gefährdet. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe weist darauf hin, dass wohnungslose Frauen teilweise zur Prostitution gezwungen werden und einem hohen Risiko sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind.
Wichtig ist: Sexarbeit und Zwangsprostitution sind nicht dasselbe. Erwachsene können sexuelle Dienstleistungen selbstbestimmt anbieten. Von Ausbeutung muss gesprochen werden, wenn Gewalt, Drohungen, Abhängigkeit, Täuschung oder eine schutzlose Lage ausgenutzt werden.
Warum Vertreibung das Problem nicht löst
Offene Drogenszenen belasten Anwohner, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen. Menschen lediglich von einem Platz zu vertreiben, verlagert das Problem jedoch meist in eine andere Straße. Die Abhängigkeit, Wohnungslosigkeit und kriminelle Ausbeutung bleiben bestehen.
Auch eine ausschließlich strafende Politik erreicht häufig vor allem Konsumierende und kleine Straßenhändler. Um die Strukturen dahinter zu treffen, müssen Polizei und Justiz gezielt gegen Großhandel, Schmuggel, Gewalt, Menschenhandel, Geldwäsche und organisierte Kriminalität vorgehen. Gleichzeitig müssen abhängige Menschen medizinisch und sozial unterstützt werden.
Welche Lösungen notwendig sind
1. Wohnen zuerst
Beim Konzept „Housing First“ erhalten wohnungslose Menschen zuerst eine eigene, mietvertraglich abgesicherte Wohnung. Beratung und Behandlung werden anschließend angeboten. Ein stabiles Zuhause kann überhaupt erst die Voraussetzungen schaffen, um eine Therapie durchzuhalten, Post zu erhalten und den Alltag neu zu ordnen.
2. Niedrigschwellige Hilfe
Kontaktläden, Streetwork, Drogenkonsumräume, medizinische Ambulanzen, Essensangebote und Notschlafstellen erreichen Menschen, die von gewöhnlichen Praxen und Behörden kaum noch erreicht werden. Der Zugang sollte auch ohne Krankenversicherung, festen Wohnsitz oder Abstinenznachweis möglich sein.
3. Substitutionsbehandlung
Bei einer Heroin- oder Fentanylabhängigkeit können Medikamente wie Methadon oder Buprenorphin den Entzug und den Suchtdruck kontrollieren. Dadurch müssen Betroffene nicht mehr täglich illegale Opioide beschaffen. Ergänzend sind psychosoziale, psychiatrische und psychotherapeutische Hilfen notwendig.
4. Naloxon gegen tödliche Überdosierungen
Naloxon kann die Wirkung von Heroin, Fentanyl und anderen Opioiden vorübergehend aufheben. Es sollte flächendeckend an Konsumierende, Angehörige, Streetworker und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe ausgegeben werden. Bei einer Überdosierung muss trotzdem sofort der Notruf 112 verständigt werden.
5. Drug-Checking und sichere Konsumräume
Drug-Checking kann besonders gefährliche Inhaltsstoffe sichtbar machen. Drogenkonsumräume ermöglichen einen hygienischeren Konsum unter Aufsicht und bieten direkten Kontakt zu medizinischer und sozialer Hilfe. Diese Angebote machen Drogen nicht harmlos, können aber Todesfälle und schwere Infektionen verhindern.
6. Schutz vor sexueller Ausbeutung
Benötigt werden sichere, geschlechtergerechte Unterkünfte, anonyme Beratung, medizinische Versorgung, Traumatherapie und spezialisierte Hilfe für Opfer von Menschenhandel. Schutzangebote dürfen Menschen nicht allein wegen ihrer Suchterkrankung abweisen.
7. Gemeinsame Hilfe statt Zuständigkeitsstreit
Suchtberatung, Psychiatrie, Wohnungslosenhilfe, Jobcenter, Krankenhäuser, Gewaltschutz und Polizei müssen zusammenarbeiten. Betroffene brauchen möglichst eine feste Ansprechperson, die sie durch die verschiedenen Hilfesysteme begleitet.
8. Die Gewinne der Hintermänner treffen
Ermittlungen sollten sich verstärkt gegen Großhändler, internationale Netzwerke, Geldwäsche und die Vermögenswerte krimineller Organisationen richten. Gleichzeitig dürfen abhängige Menschen nicht mit denjenigen gleichgesetzt werden, die an ihrer Not verdienen.
Hilfe statt Verachtung
Eine Abhängigkeit ist eine Erkrankung und keine Charakterschwäche. Menschen verlieren nicht ihre Würde, weil sie Drogen konsumieren, auf der Straße leben oder ihren Körper verkaufen müssen.
Die eigentlichen Profiteure bleiben häufig im Hintergrund. Sie verdienen an Abhängigkeit, Not und Angst, während die sichtbaren Folgen in Hauseingängen, Bahnhöfen und Innenstädten auftreten.
Eine wirksame Antwort muss deshalb beides leisten: Kriminelle Ausbeutung konsequent verfolgen und abhängigen Menschen einen erreichbaren Ausweg anbieten. Dazu gehören Wohnraum, medizinische Behandlung, Substitution, Überdosierungsschutz, Gewaltschutz und langfristige Begleitung.
Der Ausstieg beginnt nicht erst mit vollständiger Abstinenz. Er beginnt in dem Moment, in dem ein Mensch sicher schlafen kann, medizinisch versorgt wird und erlebt: Ich werde nicht aufgegeben.
