Künstliche Intelligenz (KI) ist in der Psychiatrie bereits angekommen – in Forschungsprojekten, digitalen Gesundheitsangeboten und zunehmend auch im Alltag von Patientinnen und Patienten. Manche Menschen wenden sich an Chatbots, wenn sie sich einsam, ängstlich oder niedergeschlagen fühlen. Fachleute untersuchen zugleich, ob KI bei der Auswertung von Gesprächen, bei der Dokumentation oder beim Erkennen von Veränderungen helfen kann.
Das bedeutet jedoch nicht, dass eine KI psychische Erkrankungen zuverlässig feststellen oder eine Psychotherapeutin beziehungsweise einen Psychiater ersetzen kann. Viele Anwendungen sind noch nicht ausreichend geprüft. Die Entwicklung bringt neue Möglichkeiten, aber auch besondere Risiken mit sich.
Zwei Arten von KI – zwei unterschiedliche Aufgaben
Wenn von KI in der Psychiatrie die Rede ist, geht es um verschiedene Technologien. Lernende Programme können in großen Datenmengen nach wiederkehrenden Mustern suchen. Sie werden zum Beispiel daraufhin untersucht, ob sie Hinweise auf bestimmte Krankheitsverläufe oder Veränderungen erkennen können.
Sprachmodelle wie Chatbots erzeugen dagegen Antworten in natürlicher Sprache. Sie können einfühlsam klingen und komplexe Sachverhalte verständlich erklären. Das heißt aber nicht, dass sie Gefühle erleben oder eine psychische Situation so verstehen wie ein Mensch. Eine sprachlich überzeugende Antwort kann trotzdem unvollständig oder falsch sein.
Unterstützung bei Dokumentation und Organisation
Ein naheliegender Einsatzbereich ist die Unterstützung im Arbeitsalltag. KI kann beispielsweise Gespräche zusammenfassen, Entwürfe für Briefe erstellen oder Informationen aus umfangreichen Unterlagen ordnen. Das könnte Fachkräfte von bestimmten Routinetätigkeiten entlasten und ihnen mehr Zeit für Gespräche mit Patientinnen und Patienten lassen.
Solche Systeme dürfen jedoch nicht ungeprüft übernommen werden. Eine Zusammenfassung kann wichtige Einzelheiten auslassen oder Aussagen falsch wiedergeben. Auch die Frage, welche sensiblen Gesundheitsdaten in ein System eingegeben werden dürfen und wie sie geschützt sind, ist entscheidend. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt Verwaltung und klinische Versorgung als mögliche Anwendungsfelder, betont aber zugleich Datenschutz und menschliche Verantwortung.
Hinweise erkennen – aber keine Diagnose stellen
Forschende prüfen, ob KI in Texten, Sprache oder digitalen Alltagsspuren Veränderungen erkennen kann. Untersucht werden etwa Sprachmerkmale, Schlaf- und Bewegungsmuster oder Veränderungen bei der Nutzung eines Smartphones. Solche Daten könnten eines Tages helfen, Entwicklungen im Verlauf einer Erkrankung früher wahrzunehmen oder ein Gespräch mit einer Fachperson gezielter vorzubereiten.
Das wäre eine Unterstützung bei der Einschätzung – keine sichere Diagnose. Schlaf, Aktivität und Sprache hängen auch von vielen anderen Einflüssen ab: etwa von Medikamenten, körperlichen Beschwerden, Arbeit, familiären Belastungen oder der jeweiligen Lebenssituation. Eine wissenschaftliche Übersicht weist auf Lücken bei der Prüfung und Umsetzung von KI in der psychischen Gesundheitsversorgung hin. Ergebnisse aus einer Forschungsgruppe lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf andere Menschen oder Einrichtungen übertragen.
Chatbots und digitale Therapieangebote
Digitale Anwendungen können Menschen bei Übungen unterstützen, die an bewährte psychologische Verfahren angelehnt sind. Eine App kann zum Beispiel dabei helfen, die Stimmung zu beobachten, Gedanken aufzuschreiben oder zwischen Therapiesitzungen bestimmte Übungen durchzuführen. Ein Chatbot kann jederzeit erreichbar sein und den Einstieg in ein Gespräch erleichtern.
In Deutschland können bestimmte digitale Gesundheitsanwendungen, sogenannte DiGA, ärztlich oder psychotherapeutisch verordnet werden. Dafür müssen sie im DiGA-Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte geführt sein. Das bedeutet nicht, dass jede dieser Anwendungen KI nutzt: Digitale Gesundheitsanwendungen und KI-Angebote sind nicht dasselbe.
Es gibt inzwischen erste klinische Studien mit generativen Therapie-Chatbots. In einer US-Studie zu Therabot wurden 210 Erwachsene per Zufall einer vierwöchigen Nutzung des Chatbots oder einer Warteliste zugeteilt. In der Chatbot-Gruppe gingen die berichteten Beschwerden zurück. Die Studie ist ein wichtiger erster Schritt, aber sie verglich das Angebot mit einer Warteliste und nicht mit einer Psychotherapie durch eine Fachkraft. Sie beweist daher nicht, dass ein Chatbot eine Behandlung ersetzen kann.
Auch eine Metaanalyse randomisierter Studien fand im Durchschnitt einen eher kleinen positiven Effekt generativer Chatbots auf psychische Beschwerden. Die Ergebnisse unterschieden sich jedoch deutlich zwischen den Studien. Das spricht für weiteres Potenzial, aber auch dafür, dass Nutzen und Qualität von Anwendung zu Anwendung verschieden sein können.
Wenn Menschen allgemeine Chatbots um seelischen Rat bitten
KI beeinflusst die Psychiatrie nicht nur in Kliniken und Praxen. Viele Menschen nutzen frei zugängliche Chatbots für emotionale Unterstützung, auch wenn diese nicht für psychische Gesundheit entwickelt oder geprüft wurden. Die WHO sieht darin ein wichtiges neues Thema – besonders, weil auch junge Menschen solche Systeme in belastenden Momenten nutzen. Sie fordert unabhängige Untersuchungen, klare Zuständigkeiten und Angebote, die gemeinsam mit Fachleuten und Menschen mit eigener Erfahrung entwickelt werden.
Eine besondere Herausforderung sind Krisen. In einer Studie mit drei verbreiteten Chatbots wurden insgesamt 9.000 Antworten auf erfundene Fragen zu Suizid und Selbstgefährdung untersucht. Bei Fragen mittleren Risikos reagierten die Systeme uneinheitlich. Eine solche Untersuchung kann nicht zeigen, wie sich jedes System in einer echten Krise verhält. Sie macht aber deutlich, warum flüssige und beruhigend klingende Antworten allein kein Sicherheitsnachweis sind.
Weitere Risiken sind fehlerhafte Informationen, Vorurteile in den Trainingsdaten und der unsichere Umgang mit privaten Angaben. Hinzu kommt, dass ein Chatbot sehr persönlich wirken kann. Wer regelmäßig mit ihm spricht, könnte eine enge Bindung entwickeln oder sich stärker auf seine Antworten verlassen, als angemessen wäre. Die WHO warnt außerdem davor, dass Fachkräfte oder Nutzerinnen und Nutzer falsche Vorschläge übersehen könnten, wenn sie einer KI zu viel Autorität zuschreiben.
Wie könnte sich die Entwicklung fortsetzen?
In nächster Zeit dürfte KI vor allem dort an Bedeutung gewinnen, wo sie Fachkräfte bei klar umrissenen Aufgaben unterstützt: beim Ordnen von Informationen, bei der Dokumentation, bei der Vorbereitung von Gesprächen und bei begleiteten digitalen Übungen. Auch Apps zur Beobachtung des eigenen Befindens könnten eine größere Rolle spielen.
In der Forschung wird außerdem geprüft, ob KI dabei helfen kann, Behandlungen besser auf einzelne Menschen abzustimmen oder Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Dafür müssen die Verfahren an unterschiedlichen Gruppen geprüft werden – auch außerhalb der Daten, mit denen sie entwickelt wurden. Sie müssen verlässlich funktionieren, verständlich erklärt werden und im Versorgungsalltag tatsächlich helfen.
Eine KI, die eigenständig psychische Erkrankungen sicher diagnostiziert und behandelt, ist damit noch nicht erreicht. Psychiatrische Behandlung hängt stark von Lebensgeschichte, Umfeld, körperlicher Gesundheit und Vertrauen ab. Diese Zusammenhänge lassen sich nicht vollständig aus Daten ableiten. Auch die therapeutische Beziehung ist ein wichtiger Teil der Behandlung.
Fazit
Künstliche Intelligenz verändert die Psychiatrie bereits: Sie beeinflusst, wie Informationen verarbeitet werden, welche digitalen Unterstützungsangebote entstehen und wohin sich Menschen mit seelischen Belastungen zuerst wenden. Ihr sinnvollster Beitrag dürfte zunächst darin liegen, Fachkräfte zu unterstützen und den Zugang zu ergänzenden Hilfen zu erleichtern.
Ob daraus ein wirklicher Fortschritt wird, entscheidet sich nicht daran, wie menschlich eine KI klingt. Entscheidend ist, ob sie nachweislich hilft, sicher mit persönlichen Daten umgeht und Menschen in schwierigen Situationen zuverlässig zu qualifizierter Unterstützung führt.
Quellen
- NEJM AI: Randomisierte Studie zum Therapie-Chatbot Therabot
- Journal of Medical Internet Research: Metaanalyse generativer Chatbots
- Psychiatric Services: Chatbot-Antworten bei Fragen zu Suizidrisiken
- WHO: Verantwortlicher KI-Einsatz für psychische Gesundheit
- BfArM: DiGA-Verzeichnis
